
Eine Frage taucht immer wieder auf: Muss man echte Erfahrungen haben, wenn man über etwas schreiben will?
Band II wird in der Sperrzone Tschernobyls spielen. Ich war dort. Aber ich habe keine Geister gejagt. Wo also ist die Grenze?

Als Schreiberling steht man vor der sehr spannenden Aufgabe, Emotionen zu transportieren. Gefühle im Leser zu wecken und ihn mit auf eine Achterbahn aus Angst, Schrecken, Wut, Trauer, Freude und vielleicht sogar einem kleinem bisschen Liebe zu nehmen.

Durch mein Hobby LARP habe ich Gelegenheit, mich als Laien-Schauspieler zu betätigen. In fantastischen Welten kann ich so Erfahrungen sammeln, die weitab der Realität liegen.
(Bild von Marco Winter – Wintergrafie)
Wie fühlt es sich an, einem Geist gegenüber zu stehen, der einen umbringen will? Oder wenn man in das „Lied des Lebens“ hinein lauscht? Was geht einem durch den Kopf, wenn man nahezu jeden Menschen auf der Welt kontrollieren kann? Oder wie fühlt es sich an, jemanden umzubringen?
All das sind Fragen, die niemand aus gemachter Erfahrung beantworten kann. Zumindest ich nicht. Und ich hoffe andere Autoren ebenfalls nicht 😉
Immer wieder wird darüber diskutiert, ob man etwas erlebt haben muss, bevor man darüber schreibt.
Ich würde behaupten, in vielen Bereichen wird das schwer. In einer meiner Kurzgeschichten geht es um einen traumatisierten Soldaten. Ich war bei der Bundeswehr und habe dort mit Soldaten gesprochen, die in Einsätzen waren. Aber selber erlebt habe ich den Alptraum Krieg nicht.
Noch weniger habe ich es in meinem Leben mit Geistern zu tun gehabt.
In der fantastischen Literatur wird das unmöglich. Hier helfen nur die eigene Vorstellungskraft und ich denke eine Menge Einfühlungsvermögen. Ich kombiniere beides, eigene Erfahrungen und Fantasie.
Ein Beispiel. Ich habe ich in der Dunkelheit in einem stillen Zimmer gesessen und gelauscht. Was für Geräusche macht die Finsternis? Das hat mir geholfen, ein Gefühl dafür zu bekommen. So konnte ich mich besser in die Szene hineinfinden. Für Geistergeschichten helfen mir das Besuchen von Ruinen und Spaziergänge in der Nacht. Das sind Möglichkeiten, echte Erfahrungen für Jason Welt in „Am Anfang allein“ zu sammeln.
Mit Hilfe des Internets haben wir direkt an unserem Schreibtisch Zugriff auf eine Menge Informationen, Bilder und Videos. Wir können mit „geliehenen“ Erfahrungen arbeiten. Jason lebt in den USA. Ich war noch nie dort, doch Dank des Internets konnte ich mir Bilder von Städten ansehen, Fakten zu lokalen Legenden sammeln und so weiter.
Zusätzlich haben Gespräche mit Leuten geholfen, die dort gewesen sind. Dokumentation und Fachbeiträgen sind ebenfalls gute Quellen. Schlagwort Recherche.
Das Beschreiben von Umgebungen ist das Eine. Was aber ist mit den Empfindungen der Figuren?
Angst, Wut, Trauer…Diese Gefühle hat jeder schon einmal selbst erlebt. Ich nehme sie beim Schreiben und überlege mir, wie sie sich verstärkt anfühlen würden. Wenn aus Angst Todesangst wird. Aus Wut rasender Zorn.
Hierbei helfen mir meine Erfahrungen aus dem LARP, denn dort ist das ein gern genommener Ansatz. Verstärke deine eigenen Emotionen.
Ein Widersacher hat soeben meinen Ordensbruder niedergestreckt, sein Blut tränkt den Boden und ich weiß nicht, was ich tun soll. Es ist nur ein Spiel, doch genau dort beginnt der für meine Schreiberei interessante Bereich: Ich lasse das Spiel zu, nehme die aufkommenden Gefühle an und verstärke sie.
Diese Erlebnisse aus dem LARP nutze ich ebenfalls beim Schreiben.
Natürlich lese ich viel aus dem Bereich Grusel, Horror und ähnlichem. Wie haben andere Schriftsteller die Aufgabe gelöst, Emotionen zu erzeugen? In unserer visuellen Zeit bieten sich dafür natürlich zahllose Filme aus diesem Genre an.
Und für mich ganz wichtig: Die richtige Musik beim Schreiben. Geschieht gerade etwas gruseliges? Dann läuft der passende Soundtrack beim mir.
Fazit:
Für „Am Anfang allein“ und die Folgebände kann ich aus meinen realen Erfahrungen schöpfen. Aber viele Dinge ersetze ich durch Recherche und Vorstellungskraft. Ich will Gefühle in den Lesern wecken. Jasons Reise soll Angst machen, entsetzten, manchmal sogar ein kleines Lächeln provozieren… Beim Schreiben ist es mir so ergangen und ich hoffe, den Lesern wird es ebenso gehen.
Erfahrungen kann man nicht ersetzten – Einfühlungsvermögen und Vorstellungskraft helfen diese Lücke zu schließen.
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